Diakonie Wuppertal - Besser ankommen ohne Gewalt

Projekte

EINLADUNG ZUM FACHTAG

»Worauf es ankommt«
Fachtag zum 15 jährigen Bestehen der
Fachstelle für Gewaltberatung Komm An

Donnerstag, 11. Oktober 2018
8:30 Uhr bis 16:30 Uhr, in der CityKirche Elberfeld

>  komman_fachtag_einladung


Interview mit Herrn Josef Wagener
Besser ankommen ohne Gewalt«
– 15 Jahre Fachstelle

Die Fachtagung zum 15jährigen Bestehen der Gewaltberatung (11. Oktober, 8.30 bis 16.30 Uhr, CityKirche Elberfeld) steht unter dem Motto „Worauf es ankommt“. Was ist denn Ihrer Erfahrung nach das Wichtigste in der Arbeit mit Menschen, die anderen gegenüber gewalttätig werden?

Josef Wagener: Wichtigstes Ziel ist, dass die Klienten ihr gewalttätiges Verhalten beenden. Wir unterstützen sie darin, ihre Interessen zu verwirklichen, ohne andere zu schädigen. Die Betroffenen werden sich selbst bewusst, erleben, dass sie berechtigte Interessen haben werden und lernen gleichzeitig respektvoll und achtsam anderen zu begegnen. Das eine funktioniert nicht ohne das andere. Nur wer lernt, sich selbst einen Wert zu geben und sich seiner Würde bewusst ist, wird aufhören andere zu schädigen und sie würdevoll zu behandeln.

Wer kommt zu Ihnen?
Josef Wagener: Unsere Hauptaufgabe ist die stationäre Behandlung von Jungen, die sexuell übergriffig geworden sind. Sie leben in einer Intensivgruppe und werden von unserer Fachsstelle therapeutisch betreut. Wir beraten ebenso gewalttätige Männer bei häuslicher Gewalt mit dem Ziel, einen Weg in ein gewaltfreies Leben zu finden.

Außerdem führen wir in Kooperation mit unserer Evangelischen Erziehungsberatungsstelle (Komm An gehört dazu) verschiedene Präventionsprojekte durch und bieten für die Diakonie Inhouse-Schulungen zum Thema Gewalt und Prävention an.

Wer kommt in die Gruppe?
Josef Wagener: Aktuell betreuen wir sieben Jungen im Aufnahmealter von 11 bis 13 Jahren, die in der Regel für zweieinhalb Jahre in der Gruppe leben und auch in der Gruppe unterrichtet werden. Die Jungen werden in einem sehr strukturierten und beaufsichtigten Rahmen von sieben Erwachsenen im Schichtdienst betreut. Bei uns erhalten die Jungen wöchentlich Einzelberatung und Gruppentherapie. Auch die Eltern werden bei uns von Beginn an einbezogen.

Dabei geht es um Themen wie Verantwortungsübernahme, Umgang mit den eigenen Grenzen und den Grenzen anderer, eigene Sexualität, konkrete Verhaltensänderung, eigene Ressourcen und Familienthemen. Auch die Auseinandersetzung mit der Biographie sowie die Frage nach den Folgen der Taten für die Opfer werden in der Therapie behandelt.

Welche Methoden wenden Sie an?
Josef Wagener:
Wir helfen unseren Klienten dabei, in dem wir ihnen u.a. eine angemessene soziale Kommunikation vermitteln. Uns ist es wichtig, dass wir als Vorbilder unseren Klienten achtsam begegnen. Deshalb ist „Gewaltberatung“ eine Beratungsmethode, in der Respekt und Wertschätzung von besonderer Wichtigkeit ist. In der Behandlung ist das die Grundlage. Hinzu kommen systemische und traumatherapeutische  Methoden, die die Entwicklung der Klienten positiv unterstützen.

Für die Arbeit mit den Jungen ist es wichtig, so früh wie möglich mit der Therapie zu beginnen, damit es nicht zu einer dauerhaften Entwicklungsstörung kommt: Meist entfaltet sich das Gewaltphänomen in der Pubertät. Außerdem müssen wir die Eltern ins Boot holen. Wenn die Eltern mitmachen, steigt die Aussicht auf Erfolg immens. Die Kids spüren, dass sie nicht abgestempelt und alleingelassen werden, sondern dass die Eltern zu ihnen stehen und sie nach ihren Möglichkeiten unterstützen.

Wir wollen die Kids in ihrer gesamten Persönlichkeit stärken und fördern. Denn in den meisten Fällen ist Gewalt die Folge von Vernachlässigung und Langeweile, eigener Leiderfahrung und mangelnde Orientierung. Darum gehört für uns ergänzend zur Therapie eine intensive Zusammenarbeit mit den Pädagogen der Intensivgruppe und dort insbesondere die Förderung in der Schule, sowie Angebote wie Sport und Musik und andere Hobbys.

Was sind Ihrer Erfahrung nach die Gründe dafür, dass die Kinder und Jugendlichen gewalttätig werden?
Josef Wagener:
Alle Jungs haben eine eigene Leidensgeschichte hinter sich. Eine ambulante Therapie reicht nicht mehr aus, wenn beispielsweise innerfamiliärer Missbrauch vorliegt. Nicht alle Jungen sind selbst Opfer von sexuellem Missbrauch geworden, aber alle haben eine Gewalterfahrung hinter sich oder einen unangemessenen Umgang mit Sexualität erlebt. Viele von ihnen haben früh Zugang zu Pornografie gehabt oder die Eltern haben ihre Sexualität vor den Augen der Kinder ausgelebt. Meistens sind die Gründe vielschichtig.

Und wer ist betroffen?
Josef Wagener:
Gewalt und sexueller Missbrauch geht durch alle Gesellschaftsschichten, Inländer wie Ausländer, Arme wie Reiche, gebildete wie ungebildete Menschen. Wir haben hier bei Komm An schon mit Erwachsenen und Kindern aus allen sozialen Schichten gearbeitet.

Haben die Gewalttaten zugenommen?
Josef Wagener:
Glaubt man den aktuellen Statistiken, ob regional oder weltweit, dann lautet die Antwort „Nein“. Das Gegenteil ist der Fall. Die Statistikzahlen haben von Jahr zu Jahr abgenommen.  Gewaltforschungsstudien zeigen auf, dass weltweit noch nie so wenig Gewalt ausgeübt wurde wie in unserem Jahrhundert. Auch wenn man das kaum glauben mag, auch die deutsche Polizeistatistik von 2017 bestätigt den Rückgang von Gewaltdelikten, im Übrigen nimmt die Gewalt von Migranten überproportional ab.  Das Gewaltphänomen wird nur von der Gesellschaft und von den Medien anders wahrgenommen und stößt auf größeres öffentliches Interesse.

Richtig ist sehr wohl, dass die Intensität von Gewalt zugenommen hat. Die Hemmschwelle ist niedriger geworden. Während früher in einer körperlichen Auseinandersetzung der Stärkere aufgehört hat, wird heute noch mal übelst nachgetreten. Auch der Zugang für Kinder, oft schon im Grundschulalter, zu Gewaltmedien und Pornographie ist durch die Nutzung Smartphones und anderen Medien kaum zu stoppen und hat sicher großen Einfluss auf die kindliche Entwicklung.